Leseproben

Polenta

Wir waren letztes Jahr schon auf der Hütte. Es gab Ragout mit Polenta. Im Jahr davor auch. Wobei Ragout mit Polenta heisst: Vor allem Polenta. Und in erster Linie Mais, nur wenig Butter. Ein Kleister, angepriesen als Traditionsgericht und wichtiger Kohlenhydrat-Spender. Hinter der Hütte steht am Morgen immer ein grosser Topf. Zubetoniert mit der Polenta vom Vorabend. Nie wird die Polenta aufgegessen. Wie sollte sie auch. Der Mensch produziert nicht genügend Speichelflüssigkeit. Und sie hat nicht die nötige Beschaffenheit, mit dem ganzen Topf fertig zu werden. Es ist das Leid der Hüttengehilfen in Tessin und Norditalien. Sie müssen das Kochgeschirr befreien, damit sich das Spiel am Abend wiederholen kann. Die Polenta klebt auch am Löffel und am Teller. Und am Gaumen. Das Doppelte an Ragout und das Dreifache an Butter wären nötig. Aber dann würde vermutlich weniger Rotwein verkauft.

Sehen

(…) An unserem 3. Tag durchstiegen wir die Grassen-Südwand. Die Route war zu dieser Zeit vom Hüttenwart durch sehr gute Sanierungsarbeiten aus einem Dornröschenschlaf geweckt worden. Wieder war das Wetter gut. Da wir aber noch früher in der Saison waren, lag an zahlreichen Stellen, vor allem in Rinnen und Mulden, noch viel Schnee.

Schon lange im Abstieg, etwa eine halbe Stunde, bevor wir die Hütte erreichten, kamen uns zwei Männer, beide etwa Mitte 20, entgegen. Als wir sie im Vorbeigehen grüssten, blieben sie stehen und fragten, ob wir uns auskennen würden. Sie seien nicht ganz sicher, ob sie auf dem richtigen Weg seien. Sie wollten über’s Guferjoch. Der Name sagte uns etwas, wir konnten den Pass jedoch aus dem Stehgreif nicht klar verorten. Sie hatten eine Karte dabei und zeigten uns die Stelle. Die Höhenkurven auf der Karte zeigten eine Hangneigung von rund 45°. Nach einem Moment der Orientierung konnten wir den Routenverlauf im Gelände ablesen. Nach der Umrundung eines kleinen Talkessels ging der Weg schräg über eine Felsplatte, um für den weiteren Anstieg in eine vertikal verlaufende, steile Rinne zu münden. In dieser lag viel harter Altschnee. Wir wiesen die beiden darauf hin, dass die Route bei diesen Verhältnissen sehr heikel sei und fragten sie nach ihrer Ausrüstung. Die Antwort war, sie wüssten schon, dass sie nicht so gute Schuhe hätten (was stimmte…) sie aber halt mal schauen wollten. Wir erwiderten darauf, dass sich unsere Frage eigentlich nicht nur auf die Schuhe bezogen hätte. Für die Begehung an diesem Tag wäre aus unserer Sicht ein Pickel unverzichtbar. Nein, das hätten sie nicht, sie würden ja nur ganz selten in die Berge gehen…

Als wir sie daraufhin eindringlich warnten, schauten sie wieder auf ihre Karte und fragten nach Alternativen. Erneut mussten wir abraten, denn alle umliegenden Gipfel waren nur mit Kletterei zu erreichen. Schliesslich wollten sie wissen, wo wir denn gewesen seien. Noch einmal mussten wir Spielverderber sein. Unser Rat, zur Hütte zurück und dann weiter das Tal hinunter zu wandern, schien den beiden keine Option. Sie gingen weiter, wollten sehen, wie es ginge. Sie könnten ja immer noch umdrehen.

An diesem Nachmittag wartete ich zurück auf der Hütte darauf, das typische, klopfende Geräusch des Hubschraubers zu hören. Der Philosoph Jean-Paul Sartre sagte einmal: „Wenn ihr eure Augen nicht gebraucht, um zu sehen, werdet ihr sie brauchen, um zu weinen.“ Glücklicherweise blieb es still am Himmel. Offenbar hatten die beiden die Schwierigkeit erkannt, solange sie noch umdrehen konnten. (…)

Nässe

Der nächtliche Regen hat sich verzogen. Wir steigen von der Hütte hoch in Richtung Wand.
Drei Seilschaften sind geplant. Noch immer ist der Himmel verhangen, Nebel lässt die Kälte durch die Kleider ziehen. Wir sehen es von weitem: Über unsere Route rinnt die Nässe der Nacht. Umkehr oder Start? Wir gehen. Ich friere, steige freiwillig als erster vor. Ein paar Züge, die ersten beiden Haken sind eingehängt. Ich lese den plattigen Fels mit den Händen. Ich taste nach einer Unebenheit, auf die ich stehen könnte. Etwas über Kniehöhe findet sich ein Vorsprung. Kleiner als eine halbe Fingerbeere, rund, aber leicht ausgeprägt. Ich setze den linken Fuss, atme durch. Langsam belasten. Ich versuche den Druck in der Mitte des Vorfusses aufzubauen. In meiner Vorstellung presse ich die Feuchtigkeit zwischen dem glatten Fels und der Sohle heraus. Die Finger können nur eine feine Leiste mit Flechtenbewuchs greifen. Ich verschiebe den Körperschwerpunkt über den belasteten Fuss. Mit voller Körperspannung stehe ich auf. Die Zeit scheint still zu stehen. Für eine Sekunde habe ich das Gefühl, mit der Wand zu verwachsen. Alles ist nass und schmierig, doch ich stehe. In feiner Balance findet der andere Fuss eine kleine Leiste. Ein fester Antritt und der nächste Haken ist erreicht. Die Passage erstreckte sich über höchstens drei Meter. Aber ich brauche über eine Stunde, um mich zu erholen.

Vertigo

(…) Der Kletterer kämpft nicht nur mit der Angst. Der Giftschrank unserer Psyche ist komplexer. Jeder hat wohl schon die Erfahrung gemacht, dass unser Gemütszustand sich darin widerspiegelt, wie wir klettern. Wenn wir guter Dinge sind, dann gelingen unsere projektierten Routen. Und wenn wir es dennoch nicht schaffen, empfinden wir es auch nicht als weiter schlimm. Es ist ja schliesslich nur ein Spiel.

Vorsicht aber, wenn wir uns angespannt und unter Druck fühlen. Stress im Büro, heikle Geschäfte und Angst vor Fehlschlägen machen uns dünnhäutig. Was wir dann brauchen, sind Abstand, Ablenkung und positive Erfahrungen, die uns Ruhe, Zuversicht und Selbstvertrauen geben. Das können wir in der Halle wie am Fels problemlos finden. Solange man sich in der Komfortzone bewegt, sprich, klar unter seinem Limit bleibt. In dem Moment, in dem wir in einer leichten Route den Fuss auf den ersten Tritt setzen und die Hand zum Griff führen, wird der Kopf mit einem Schlag frei. Auch in einer einfachen Route nimmt das Klettern unsere ganze Konzentration in Anspruch. Alle anderen Gedanken sind ausgeschaltet. Wir bewegen uns wie ein Fisch im Wasser. Natürlich verschwinden die Probleme des Alltags nicht auf diese Weise. Aber sie treten einen Schritt zurück. Wir haben einen entspannten Abend und können die Dinge danach mit etwas Distanz und erfrischtem Geist angehen.

Heikler ist die Sache, wenn wir die Flucht nach vorn antreten und den Stier bei den Hörnern packen wollen. Vielleicht haben die Schwierigkeiten des Tages eine Wut entfacht, die noch lodert, wenn wir die erste Route angehen. Dann kann es sein, dass wir grosse Energie freisetzen und in einem Husarenritt über uns hinauswachsen. Aber das ist wohl nur in wenigen Fällen so. Denn Wut ist anstrengend, sie hält nie lange vor. Und hinter jeder Wut stehen Angst oder Unsicherheit. Diese setzen niemals Energie frei. Sie lähmen uns und nähren den Zweifel.

Wenn wir in gedrückter Stimmung zum Klettern kommen und eine schwere Route machen wollen, dann folgt unser Versuch meistens einem bestimmten Muster: Wir stehen vor der Route und denken „die möchte ich schon lange gerne klettern. Aber eigentlich glaube ich nicht, dass ich sie schaffe. Zumindest heute nicht. Aber ich kann’s ja versuchen.“ So nehmen wir unsere Sorgen und Selbstzweifel mit in die Wand. Wenn die Route wirklich an der Grenze unserer Möglichkeiten liegt, brauchen wir für einen Erfolg eine gute Tagesform. Wir müssen gut aufgewärmt sein, und wir sollten nicht gerade davor gegessen haben. Emotional verspüren wir eine angeregte Anspannung, ein erwartungsvolles Kribbeln von leichter Angst und Vorfreude. Das alles wird an schwierigen Tagen aber nicht der Fall sein. Unsere Muskeln können top sein. Aber wenn uns Stress an der Seele nagt, dann ist ein Teil der Energie schon weg, bevor wir überhaupt in der Halle sind. Von Lockerheit kann keine Rede sein. Mit grosser Wahrscheinlichkeit werden wir daher in diesem Moment nicht bis zum Umlenker kommen. Nehmen wir das dann auf die leichte Schulter und lachen? Gratulieren wir unserem Kollegen, der es nach uns versucht und durchzieht? Ein grosses Glück, wenn es so ist. Wahrscheinlicher ist, dass es uns einen Stich gibt, und wir unseren Fehlversuch als Versagen werten. Denn das entspricht unserem momentanen Framing, quasi unserer Sicht auf uns und die Welt. (…)